WASSER UND WELLEN GEGEN ACHTZYLINDER-SCHAM Das zu erwartende baldige Ableben des V8-Motors im Automobilbau ist für viele PS-Junkies ein Anlass tiefen Bedauerns. Wären sie statt Pkw- Sportbootfreunde, könnten sie sich jetzt über eine neue Generation von V8-Aggregaten freuen. Sie kommen von Yamaha. Die mit dem Kürzel „XTO“ verzierten Außenbord-Kraftwerke leisten bis zu 450 PS, die sie aus maximal 5,6 Litern Hubraum schöpfen – ein Fest für jeden Fan frei atmender Verbrennungsmotoren. Obwohl die verwendeten Maschinen denen in Personenwagen durchaus ähnlich sind, funktioniert die Welt der Bootsmotoren völlig anders als die der Auto-Triebwerke. Wird bei Letzteren in multinationalen Gremien bei immer neuen Verhandlungsrunden um jedes Gramm CO2-Reduzierung gefeilscht und der Industrie ein immer weitergehender Sparzwang auferlegt, ist die Reglementierung bei Außenbordern nach dem Hubkolbenprinzip „eher harmlos“, wie es der leitende Mitarbeiter eines namhaften Herstellers formuliert. Wer an Bord tritt, begibt sich in ein 22 www.dermotor.de | Ausgabe 2/2023
Wasser und Wellen gegen Achtzylinder-Scham Universum, in dem fast reuelos der Faszination von Hubraum und Pferdestärken gehuldigt werden kann. Das hat womöglich damit zu tun, dass leistungsstarke Triebwerke in der marinen Anwendung noch viel mehr als im landgebundenen Bereich nur der Nachfrage einer äußerst wohlsituierten Kundschaft ausgesetzt sind und deshalb in relativ geringen Stückzahlen produziert werden. Demzufolge sind die Klimaeffekte ihres Betriebs eher gering einzuschätzen. Ein V8-Außenborder für die Sportschifffahrt, von denen an bestimmten Bootstypen auch gern mal zwei oder drei parallel befestigt werden, kostet üblicherweise zwischen 50.000 und 60.000 Euro, während die dazu gehörigen Wasserfahrzeuge allenfalls gebraucht für weniger als sechsstellige Summen zu bekommen sind. Bootsmotoren für die Außenbord-Montage werden außer von Yamaha auch von den japanischen Mitbewerbern Suzuki und Honda produziert. Die drei gelten ebenso als Global Player wie die US-Firma Mercury. In Europa beträgt das jährlich absetzbare Volumen für Außenborder etwa 200.000 Exemplare unterschiedlicher Leistungsstufen, in Deutschland sind es im Schnitt etwa 15.000 per anno. Außer den saftigen Preisen ist die extreme Langlebigkeit der Produkte ein weiterer Hinderungsgrund für hohe Absatzzahlen. Ein Motor, der technisch für 4.000 Betriebsstunden gut ist, kommt im gewöhnlichen Sportboot-Einsatz selten über 60 Stunden jährlich hinaus. Unter diesen Voraussetzungen ringt Yamaha in Deutschland dauerhaft mit dem Rivalen Mercury um die Marktführerschaft. Die 1887 zum Zweck des Instrumentenbaus gegründete Firma ist hierzulande wohl am ehesten für ihre motorisierten Zweiräder bekannt, hat aber schon mehrfach ihre besondere Musikalität im Hinblick auf die Konstruktion von anderweitig verwendeten Aggregaten bewiesen: Etwa bei der Entwicklung eines 2,0-Liter-Reihensechszylinders mit Doppelnockenwelle für den Toyota 2000 GT im Jahr 1965 oder neuerdings mit einem 5,0-Liter-V8-Wasserstoffmotor, der ebenfalls für Toyota gebaut wurde. Einen der größten Sportboothäfen Europas hatte sich Yamaha jetzt für die Präsentation der neuesten Antriebe ausgesucht. Rund ein Dutzend Kajütboote und Yachten hatten an den Stegen des Port Camargue festgemacht, um von der internationalen Fachpresse auf Buten und Binnen getestet zu werden. Mehrere Festrumpfschlauchboote, so genannte RIBs, waren darunter, die Schubkraft von zwei oder drei zusammen geschalteten XTO-Monstern besonders eindrucksvoll zu demonstrieren. Zwar drücken in der Dreifach-Konfiguration rund 1.500 Kilogramm zusätzlich auf das Heck der 44 Fuß langen (elf Meter) Capelli Tempest-Yacht, jedoch ist es annähernd die gleiche Zahl an Pferdestärken, die den Rumpf gen Horizont drückt. Die Kenntnis seemännischer Regeln ist angesichts des gewaltigen Beschleunigungsvermögens dringend empfohlen, die Beherrschung derart brachialer Kräfte hat Yamaha jedoch schon vor längerer Zeit erleichtert und immer wieder verfeinert. Mittels Joystick werden heute selbst große Yachten mit erstaunlicher Präzision in Hafengebieten manövriert. Nahezu verzögerungsfrei setzt die Elektronik die Steuerungsbefehle um, während die Motorgehäuse wie von Geisterhand bewegt in unterschiedliche Richtungen schwenken. „Rückwärts einparken“ hat mit diesen Helfern seinen Schrecken längst verloren. Besonders beeindruckend ist die Funktion des „virtuellen Ankers“: Die eingespeicherte GPS-Funktion beeinflusst die Steuerung je nach Wind- und Wellengang so, dass das Boot seine Position erst verlässt, bis der Kapitän das Ruder wieder aktiv übernimmt. Der Hersteller preist seine neue Motorengeneration als „Game Changer“, was mit einer Reihe technischer Raffinessen begründet wird. Die mit einem Zylinderwinkel von 60 Grad konstruierten Aggregate verfügen über obenlie- www.dermotor.de | Ausgabe 2/2023 23
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